Popcorn & Rollenwechsel

...und eine Ziege!

von
Wie «Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten» selbstironisch den Regisseur der ersten drei Filme grüßt.

Achtung, diese Kolumne enthält Spoiler zu «Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten»!

Wenn Sie sich «Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten» im Kino ansehen, und sich in der Reihe vor ihnen ein Besucher bei einer von Jack Sparrows letzten Zeiten noch lautstarker vor Lachen krümmt, als der Rest des Kinosaals… Ja, dann findet er womöglich die Vorstellung von Captain Jack, wie er eine Armbrust, eine Trompete und drei Ziegen um ein Flaschenschiff versammelt, einfach nur urkomisch… Oder er ist ein Riesenfan der Reihe. Sollte sich dieser Kinobesucher eventuell zu seiner Begleitung rumdrehen, und irgendwas von „Gore!“ stammeln, dann hat er nicht etwa seinen Verstand verloren… Viel mehr können Sie dann mit absoluter Gewissheit sagen, dass dieser Kinogänger Ahnung von den verfluchten Karibikpiraten hat.

Sie sind verwirrt? Dann leihe ich Ihnen gerne eine Machete für ihr intellektuelles Dickicht. Denn die Schlussszene von «Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten» ist ein perfektes Beispiel dafür, wie man einen Insidergag so aufzieht, dass auch uninformierte Kinogänger Spaß daran haben. Jack Sparrow steht nämlich vor der ungewöhnlichen Aufgabe, seine geliebte Black Pearl aus der misslichen Lage zu befreien, dass sie zuvor in ein Flaschenschiff verwandelt wurde. Das nimmt Jack allerdings ungewöhnlich locker. Mit einem Grinsen im Gesicht erklärt er seinem Weggefährten und ersten Maat Joshamee Gibbs, wie das Befreiungsritual aussieht: Sie brauchen eine Armbrust, ein Stundenglas, drei Ziegen und einer von ihnen muss Trompete lernen, während der andere seltsam mit den Händen rumfuchtelt.

Das ist bereits eine herrlich verschrobene Vorstellung, die durch Johnny Depps verrücktes Mienenspiel zu einem der größten Lacher im ganzen Film wird. Damit ist der normale Kinogänger bereits bedient – «Pirates of the Caribbean»-Fans werden aber noch mehr in ihr entdecken. Zunächst einmal ist die Szene höchst selbstreferentiell. Einer der am häufigsten genannten Kritikpunkte an den Fortsetzungen von «Fluch der Karibik» war, dass sie zu abgehoben, verrückt und verschroben wurden. «Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten» achtet diese Kritik, und kehrt zu einer bodenständigeren Abenteuerformel zurück. Dennoch, einen gewissen Kommentar konnte sich das Autorenduo Ted Elliott und Terry Rossio offenbar nicht verkneifen, und so holen sie ganz zum Schluss all die Verrücktheiten nach, die sie den kompletten Film über zurückhielten. Bloß halt in Dialogform, statt tatsächlich das kuriose Ritual zu zeigen.

Obendrein, und vor allem, ist dieses Dialogzitat aber auch ein Grußwort an Gore Verbinski, dem Regisseur der ursprünglichen «Pirates of the Caribbean»-Trilogie. Weil er nach drei Filmen erstmal genug von Piraten hatte, wurde er im vierten Film durch Rob Marshall («Chicago», «Nine») ersetzt, aber im Geiste ist er der Kinoreihe erhalten geblieben. Starks genug, um ihm mehr oder minder den Schlussgag zu widmen. Die Drehbuchautoren der «Pirates of the Caribbean»-Filme bezeichnen Gore Verbinskis Inszenierungsstil nämlich als den „… und eine Ziege!“-Effekt. Wenn sie eine simple Dialogszene verfassten, kam es häufig genug vor, dass Gore Verbinski diese Szene plötzlich mit im Hintergrund ablegenden Schiffen, zahlreichen Statisten und insbesondere mit Ziegen füllte. Wenn man sich die ersten drei «Pirates of the Caribbean»-Filme ansieht, wird man deshalb immer wieder im Hintergrund an den unmöglichsten Orten irgendwelche Ziegen entdecken, weil sich der Perfektionist Gore Verbinski wohl dachte, dass es dem Bild noch immer an Leben mangelte.

Durch den Regiewechsel verlor «Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten» seine versteckten Ziegen. Aber dafür spricht Jack Sparrow davon, dass er dringend Ziegen benötigt. Und nicht etwa zwei Ziegen oder acht Ziegen, sondern explizit drei Ziegen. Für jeden von Gore Verbinski inszenierten Film der Reihe eine. Jetzt müsste man für Teil 5 eigentlich nur noch diesen Injoke dreist und konsequent weiter durchziehen und Gore Verbinski für die Befreiung der Black Pearl als Gastregisseur anheuern. Und wenn man sich seinen Animationsfilm «Rango» so ansieht, wird er der Sequenz garantiert auch wieder so viel Selbstironie verleihen können, dass wieder einmal auch ahnungslose Kinogänger Spaß an ihr haben werden. Denn solche Injokes sind doch die besten, aye?

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