Die Kritiker

«Boardwalk Empire» (1x01)

von

Story


Atlantic City im Jahr 1920. Es ist die Zeit der Prohibition, dem landesweiten Verbot des Verkaufs, der Herstellung und des Transports von Alkohol in Amerika. Gleichzeitig breitet sich die illegale Produktion und Verbreitung von Alkohol rasch aus. Korruption zieht sich durch mehrere Gesellschaftsschichten und macht auch vor der Politik und selbst den Gesetzeshütern nicht halt. Noch am Vorabend des Inkrafttretens der Prohibition hält Stadtkämmerer Enoch „Nucky“ Thompson eine Rede über den schädlichen Einfluss von Alkohol. Doch insgeheim treibt der Politiker dabei ein doppeltes Spiel und hat dabei gar keine Skrupel: Er will durch den Verkauf von illegalem Alkohol ein Vermögen verdienen sowie an Macht gewinnen, um somit den Bürgersteig in Atlantic City zum Imperium werden zu lassen. Auch die Pläne sind bereits geschmiedet worden und die bedeutendsten Gesetzeslosen des Landes wollen sich an dem Geschäft beteiligen. Durch das erlassene Alkoholverbot in den USA der 1920er Jahre entsteht ein riesiger illegaler Markt, da die Nachfrage nach Alkohol und dem damit verbundenen Vergnügungen weiterhin vorhanden ist. „Nucky“ Thompson mischt kräftig mit, sind doch vielfach höhere Preise für den illegalen Alkohol drin.

Produktion, Einfuhr und Vertrieb müssen organisiert werden. Das Brauen und Destillieren wird meist in illegalen, getarnten Kleinfirmen der Unterschicht betrieben. Der Schmuggel über die Seewege bringt die Alkoholware in ganzen Flotten in die Stadt und in illegalen Kneipen wird sie verkauft. Zwei Dinge muss "Nucky" Thompson dabei balancieren: Einerseits bietet Atlantic City als Hafenstadt mit korrupter Polizei - "Nuckys" Bruder "Eli" ist deren Chef - den idealen Ort, um auf dem Seeweg kanadischen Whiskey einzuschmuggeln, auch für Märkte im Hinterland. Andererseits wollen die Hintermänner des organisierten Verbrechens aus New York und Chicago gerne Nucky als Mitverdiener am Schmuggel-Handel los werden. Und natürlich ist die 12 Jahre zuvor gegründete Bundespolizei darauf aus, die neuen Regelungen durchzusetzen.

Doch anders als die Mafiosos aus Chicago oder New York ist „Nucky“ Thompson kein Kind des organisierten Verbrechens und hat auch seine fürsorglichen, sympathischen Seiten. So zum Beispiel gegenüber seinem jungen Schützling „Jimmy“ Darmody. Der versucht nach seinen Erfahrungen im ersten Weltkrieg in der amerikanischen Gesellschaft der 1920er Jahre wieder Fuß zu fassen. Doch sein Verhalten droht „Nucky“ Thompsons Pläne in Gefahr zu bringen, noch dazu weil „Jimmy“ plötzlich gänzlich andere Wege als geplant geht. Fürsorglich ist „Nucky“ Thompson beispielsweise auch gegenüber Margaret Schroeder. Die Schwangere wird von ihrem dem Alkohol verfallen Mann geschlagen. „Nucky“ Thompson hilft ihr in der Not. «Boardwalk Empire» portraitiert das aufregende Leben und die dubiosen Machenschaften von Enoch „Nucky“ Thompson als volksnaher Politiker und Gangster zugleich. Die Serie beschreibt ferner seinen Aufstieg zum unbestrittenen Herrscher von Atlantic City.

Darsteller


Steve Buscemi («Die Sopranos»; «30 Rock») ist Enoch „Nucky“ Thompson
Michael Shannon («Zeiten des Aufruhrs»; «The Runaways») ist Agent Nelson Van Alden
Kelly McDonald («No Country for Old Man») ist Margaret Schroeder
Michael Pitt («Dawsons Creek») ist James „Jimmy“ Darmody
Shea Whigham («Machete») ist Elias „Eli“ Thompson
Stephen Graham («This Is England '86»; «Gangs of New York») ist Al Capone
Vincent Piazza («Rescue Me»; «Die Sopranos») ist Lucky Luciano
Michael Stuhlbarg («A Serious Man»; «The American Experience») ist Arnold Rothstein
Antony Laciura («Falstaff»; «Tosca») ist Eddie Kessler
Michael K. Williams («Brooklyn’s Finest»; «The Road») ist Chalky White
Aleksa Palladino («Tödliche Entscheidung»; «Die Sopranos») ist Angela Darmody

Kritik


Große Namen für großes Kino. Von dem deutschen Publikum gab es im Kölner Cinedom im Mediapark nach der Deutschland-Premiere von «Boardwalk Empire» Applaus. Natürlich passte der Pilotfilm der preisgekrönten Drama-Serie auch wunderbar in die Veranstaltungsreihe „Festival Großes Fernsehen“. Denn tatsächlich ist «Boardwalk Empire» kein Kino-Format, sondern wartet auch als Serie im (Bezahl-)Fernsehen mit großen Schauspielern und namhaften Machern auf. Ein wenig schwang da auch die zuletzt im Feuilleton diskutierte Frage mit, ob Regisseur Martin Scorcese mit dem Pilotfilm der HBO-Serie dem Leinwand-Vergnügen den Garaus macht. Denn während bei den Serien aufgrund der Länge die Möglichkeiten Figuren zu entwickeln und Geschichten zu erzählen weitaus größer sind, spielt die Fernsehserie nun auch in Sachen Produktionskosten samt namhafter Schauspieler und Produzenten in einer erstklassigen Liga. Die HBO-Serie «Boardwalk Empire» - inszeniert von dem für großes Kino bekannten Regisseur Martin Scorcese - gehört dazu. Fest steht jedoch, dass «Boardwalk Empire» beste Kino-Unterhaltung im facettenreichen Fernsehserien-Format bietet – und das auch mit Erfolg.

Denn die Drama-Serie lief auf dem US-Network HBO so gut, dass eine zweite Staffel schnell beschlossene Sache war. In Deutschland dürfen die Pay-TV-Sender TNT Serie und TNT Serie HD die Erstausstrahlung der jüngst zweifach mit dem Golden Globe ausgezeichneten US-Serie beginnen. In der Kategorie „beste Drama-Serie im TV“ und in der Sparte „Beste Schauspielleistung in einer TV-Drama-Serie“ erhielten «Boardwalk Empire» und Hauptdarsteller Steve Buscemi verdientermaßen den Golden Globe, denn die Serie ist ein Meisterwerk geworden. Das hat auch seinen Grund: Durch die Zusammenarbeit von dem Schöpfer zahlreicher Mafia-Epen, Martin Scorcese, und dem Drehbuchautor Terrence Winter konnten die Kräfte zur Umsetzung einer tiefgründigen Drama-Serie um Korruption und orangisiertes Verbrechen gebündelt werden. Denn als Autor war Terrence Winter schon an der vor drei Jahren nach sechs Staffeln ausgelaufenen US-amerikanischen Erfolgsserie «Die Sopranos», in der es um die fiktive Geschichte einer italo-amerikanischen Mafiafamilie in New Jersey geht, beteiligt und erhielt dafür eine Emmy-Award. Der könnte auch mit «Boardwalk Empire» winken. Oscar-Preisträger Martin Scorcese war beim Pilotfilm nicht nur Regisseur, sondern gleichzeitig auch ausführender Produzent der ersten Folge.

Ein Erfolgsensemble, das eine erfolgreiche Serie inszeniert hat. Große Namen für großes Fernsehen. Im Gegensatz zu «Die Sopranos» wird in dem Serienprojekt «Boardwalk Empire» jedoch nach einer wahren Geschichte erzählt, die auf der Sachbuch-Vorlage «Boardwalk Empire: The Birth, High Times, and Corruption of Atlantic City» basiert. Drehbuchautor Terrence Winter erzählt diese wahre Begebenheit aus der Perspektive des Stadtkämmerers Enoch „Nucky“ Thompson, dessen Leben und Wirken in der Drama-Serie zur Geltung kommen soll. Mit den Namen seiner Gangster-Kollegen wie Lucky Luciano oder dem jungen Al Capone weiß der Zuschauer schnell etwas anzufangen und so bleibt der reale Hintergrund trotz aller fiktionalen Elemente stets gewahrt. Das trifft auch auf den Zeitgeist zu. Eine neue Epoche wird eingeleitet und die Menschen in der HBO-Serie feiern sie auf ihre Weise: Hunderte Partygäste in „Babette's Supper Club“ zählen die Sekunden vor Mitternacht, als das Alkoholverbot in Kraft tritt, herunter: Prohibition! Der Alkohol fließt ein letztes Mal in Strömen.

Gleichzeitig ist das der Startpunkt für die Serie, die nun tiefer in die Geschichte eintaucht und auch die einzelnen Figuren einführt. Eine Szene, die auch kennzeichnend für «Boardwalk Empire» ist. Denn das doppelte Spiel von Hauptfigur „Nucky“ Thompson, der in der Historie übrigens "Nucky" Johnson hieß, scheint ihn - wenn auch nicht in Moralfragen - innerlich zu plagen. Entgegen der historischen Figur Johnson, die laut Überlieferungen ihre kriminelle Energie selbst niemals anzweifelte, schwelgt der von Buscemi verkörperte Thompson zwischen Leichtigkeit, etwas Sarkasmus und eingien Zweifeln. Wie er sich dennoch gegen seine diversen Gegenspieler behaupten wird, dürfte eine der spannendsten Fragen sein, die sich durch die insgesamt 12 Episoden der ersten Staffel ziehen. Es ist auch Buscemi zu verdanken, dass der Zuschauer daran emotional teilhaben kann. Die Geschichte „Nucky“ Thompsons wird zwar nach einer wahren Begebenheit erzählt, der künstlerischen Fantasie hat man aber dennoch freien Lauf gelassen, was auch die anderen Charaktere farbenfroh erscheinen lässt.

«Boardwalk Empire» besticht jedoch nicht allein durch eine gute Buch-Vorlage und den großen Namen seiner Macher, sondern vor allem aufgrund der Glanzleistungen der Schauspieler, die ebenfalls Rang und Namen haben. Allen voran Steve Buscemi in der Hauptrolle des „Nucky“ Thompson überzeugt durch eine überaus authentische Schauspielleistung, die sich wegen des doppelten Spiels des Charakters und seinen zwei Gesichtern auf keinem leichten Schwierigkeitsgrad befindet. Der korrupte Politiker und Herrscher über Unter- und Familienwelt in Atlantic City ist dabei auch einer der (tragischen) Helden der Serie. „Ich versichere Ihnen, dass Atlantic City inmitten dieser Wüste stets feucht bleiben wird“, ruft er den großen Tieren der Stadt in einem Hinterzimmer zu, während er zuvor noch vor einer Frauenbewegung den Alkohol verteufelte. Obwohl er damit auch auf der Seite der Bösewichte steht, kann sich der Zuschauer in seine Rolle hineinversetzen. Mit den Nebengeschichten um „Jimmy“ Darmody und Margaret Schroeder zeigt sich auch eine andere Seite des Charakters. Die kleinen Dramen wirken gerade vor dem Hintergrund der Unterweltsverknüpfungen einer neuen Epoche so unscheinbar, aber dennoch kennzeichnend und tiefgründig. Die vielschichtige Figurenkonstellation in «Boardwalk Empire» macht die Drama-Serie richtig spannend. Denn mit Michael Pitt als James „Jimmy“ Darmody hat man auch eher undurchsichtige Charaktere in die Handlung mit eingebracht, was der Serie in dem Piloten richtig gut tut.

Erfrischende Momente und überraschende Wendungen sind so erst möglich und machen die erste Folge von «Boardwalk Empire» zu einer Inszenierung der Marke Scorcese, die unverwechselbar ist. Geradezu fesselnd sind die Handlungsstränge, die die Spannung hoch halten. Vor allem die tiefgründigen Dialoge und auch detailgenaue Inszenierungen der unterschiedlichsten Charaktertypen dürften mit dazu beigetragen haben, dass die sensationellen Zuschauerzahlen in den USA rasch eine fortsetzende zweite Staffel bescherten. Abwechslungsreich ist auch das, was in der Serie passiert – so gibt es Szenen, die nur so vor Witz und Ironie strotzen, dann ist gelegentlich auch rohe Gewalt und Blut zu sehen, während die Sex-Szenen stellenweise auch nackte Haut und Erotik mit einbringen. Der hauptsächliche Fokus liegt aber auf dem korrupten, falschen Spiel der Protagonisten und den ebenfalls einfallsreichen Gegenspielern wie Agent Nelson Van Alden, gespielt von Michael Shannon, oder gar so manchen Intrigen in den eigenen Reihen. «Boardwalk Empire» bietet ein umfassendes Gesellschaftsporträt, wenngleich hauptsächlich die Geschichte des Stadtkämmerers Thompson erzählt wird.

Nicht zuletzt ist «Boardwalk Empire» auch eine kostenintensive Produktion. Allein die Pilotfolge, die in New Yorker Stadtteil Brooklyn vor einer entsprechenden Kulisse entstand, kostete 20 Millionen Dollar. Der hohe technische Aufwand für die historische Kulisse ist enorm und auch die etlichen Szenen mit hunderten Statisten, die das Stadtleben beflügeln sollten, waren eine Herausforderung für eine Fernsehserie. Dafür lässt das Drama-Epos den Zuschauer auch atmosphärisch in die Zeit der Prohibition in den 1920er Jahren eintauchen. Denn die Strandpromenade des Atlantic City der 1920er Jahre wurde beinahe originalgetreu und mit viel Liebe zum Detail rekonstruiert. Frühchen-Ausstellungen und Liliputaner-Boxkämpfe repräsentieren dabei die Zwanzigerjahre in den USA und setzen die Geburt des organisierten Verbrechens, welche «Boardwalk Empire» erzählt, in den richtigen historischen Kontext. Man hat sich den authentischen Schein also etwas kosten lassen, was die amerikanische Serie gewissermaßen auch zu einem Kulturgut macht.

TNT Serie zeigt «Boardwalk Empire» als Deutschlandpremiere im Pay-TV ab 2. Februar 2011 um 20.15 Uhr in wöchentlicher Ausstrahlung.

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