Popcorn & Rollenwechsel

Wie bei den Piraten

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Unser Filmkolumnist sah endlich das Finale von «Lost» und fühlte sich dabei an eine erfolgreiche Kinotrilogie erinnert.

Vergangene Donnerstagnacht fand für mich nach eine Ära ihren Abschluss. Wie wohl circa 390.000 andere Zuschauer ging ich mit gemischten Gefühlen und Erwartungen an den finalen Zweiteiler von «Lost» heran. Es waren zu gleichen Teilen vorfreudige Erwartung über das letzte Kapitel, wie auch Trennungsschmerz von der geliebten Serie. Und durch diese beiden Emotionen zog sich Wissen über die, bestenfalls, geteilten Reaktionen der US-Fans. Jedoch offenbart sich so was für den Free-TV-Gucker gerne als Hilfe. Der Beginn der dritten Staffel wurde gnadenlos zerrissen, und als dieser dann auf ProSieben lief, saß ich mit einem Achselzucken vor dem Fernseher. Das ist jetzt das schlimmste, was bei «Lost» bis dato geschah, weil…? Vielleicht betrieben die US-Fans beim Finale erneut Schadensbegrenzung: Als zum letzten Mal der Bildschirm schwarz wurde und das Serienlogo erschien, lächelte ich.

Das Ende von «Lost» ging einen unerwarteten Weg. So weit, so richtig. Denn wenn eine der Königsserien bezüglich Cliffhanger und Plottwists ein geradliniges Finale auftischt, dann läuft etwas gehörig schief. Auf der Zielgeraden führten die Serienmacher allerdings einige neue Mysterien ein, die zum Teil weiter im Dunkeln gelassen wurden, und pickten sich bezüglich der Kerngeheimnisse der Serie die Rosinen raus. Winzige Randgeheimnisse, zum Teil allein von den Fans zu brennenden Fragen hochstilisiert, blieben völlig auf der Strecke. Dadurch nahm die Rezeption des Finales einen gehörigen Schaden. Dabei gehört es erkennbar zum inhaltlichen wie stilistischen Konzept von «Lost», dass manches unerklärlich bleibt. Trotzdem wollten die Fans mehr. Manche ihrer Forderungen finde ich vollkommen absurd, andere sind angesichts der Erzählweise gerade in der letzten Staffel verständlich. Die Autoren scheiterten, ihr Verständnis dessen, welche Auflösungen relevant sind und welche Fragen offen bleiben müssen, an den Zuschauer zu vermitteln. Außerdem machten sie es sich unnötig schwer, indem sie manche offene Fragen, die ohne größere Probleme geklärt werden könnten, dem Publikum fast schon unter die Nase rieben. Vollkommen unabhängig davon, dass in der sechsten Staffel einige dramaturgische Fehlentscheidungen und Misskommunikation die erzielte Wirkung des Finales untergruben: Mich erinnert das ganze Gemeckere über das Ende von «Lost» frappierend an die Fan-Reaktion auf «Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt».

Tja, mit dem Vergleich hätten wohl die wenigsten gerechnet. Schließlich war die «Pirates of the Caribbean»-Saga für den unbedarften Zuschauer nichts weiteres, als simples und actionreiches Unterhaltungskino, während «Lost» eine von ihrer ungewöhnlichen Narrative, den behandelten Themen und den zahlreichen Mysterien getriebene Bastion des Intellekts im Fernsehallerlei darstellte. Darin sieht man, wie erfolgreich die Autoren von «Pirates of the Caribbean» ihrem Ziel eines dualen Kinoabenteuers nahe kamen. Es sollte Blockbuster-Sommerkino sein, in das man aber, den nötigen Willen vorausgesetzt, tief absteigen kann, um die Figuren, Bildsymbolik, angeschnittene Themen und die Geheimnisse des geschaffenen Filmuniversums auszudiskutieren. Vom letzteren bekam der Zuschauer allerdings nur dann etwas mit, wenn er sich auch in die Fan-Community wagte. Oder einen flammenden «Pirates of the Caribbean»-Fan im Freundeskreis hatte, der ungefragt über die narrativen Kniffe der Filmreihe philosophierte. Einen Eindruck dessen, wie komplex diese Piraten-Trilogie ist, konnte man als Normalo vielleicht noch gewinnen, wenn einem eine dieser kuriosen Filmkritiken über den Weg lief, in der sich der Autor darüber auslässt, dass «Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt» zu komplex und schwersinnig sei. Amüsant, wenn zwei Seiten weiter wieder einmal Blockbuster aufgrund seiner Stupidität verrissen wird.

Bevor «Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt» in die Kinos kam, hatten die Fans allerhand zu spekulieren: Die Gesetze mehrerer Flüche mussten analysiert werden, die Herkunft einiger Figuren lag in einem dichten Nebel. Woher kannten sich zwei der zentralen Kontrahenten, und was haben sie einander angetan? Manche Orte schienen eine tiefer gehende Bedeutung zu haben, aber welche? Wie funktioniert das Totenreich in diesem Filmuniversum? Sind die MacGuffins wirklich nur MacGuffins? Hinzu kamen dann noch natürlich die offensichtlicheren Fragen, die auch das durchschnittliche Kinopublikum anlocken sollten: Wer stirbt, wer überlebt, wer kommt mit wem zusammen, wer ist auf wessen Seite?

Der Kinostart von «Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt» kam, die Leute gingen ins Kino. Manche Zuschauer fanden den Film zu überfrachtet, andere ließen sich berieseln, erhielten dabei mehr oder weniger klare Antworten auf die offensichtlichsten Fragen und wurden gut genug unterhalten, um den Film weiterzuempfehlen oder sogar noch mal zu gucken. Und die Fans? Wenn ich mich mal als Maßstab nehmen dürfte, so diskutierten sie schon während des Abspanns darüber, ob offene Fragen befriedigend beantwortet wurden und welche weiterhin offen sind. Dies gestaltete sich ungewöhnlich schwierig, denn manche Frage schien implizit beantwortet zu sein, doch man wusste nie, ob es wirklich als Antwort durchgeht, oder dich nur eine wilde Theorie ist. Und manche der Antworten wollten einige Fans nicht als Antwort durchgehen lassen, da sie bloß weitere Fragen aufwarf, die einem vorher nie eingefallen wären. Hinzu kam, dass in der Welt von «Pirates of the Caribbean» piratige Lügen an der Tagesordnung sind, so dass manche Antworten nicht vertrauenswürdig waren, bedenkt man, von wem sie stammen. Die Autoren betonten in Interviews, dass sie das einbauten, weil es einerseits piratig ist, andererseits aber auch die abgefahrene Welt voller Seemannsgarn fassbarer macht. Kämen in der Realität ähnliche übernatürliche Phänomene vor, so hätte auch niemand allumfassende Antworten parat. Jeder hätte seine Theorie und sein Scherflein an Halbwissen, andere verkaufen ihre Ahnungslosigkeit als gesichertes Wissen, und so weiter. Ich finde diesen Kniff genial, verleiht er dem Filmuniversum doch ein Mehr an Tiefe und Wunder. Andere dagegen wollen ihre Rätsel komplett aufgeschlüsselt. Ende der Trilogie, Ende des Filmuniversums.

Dreieinhalb Jahre später erlebe ich all das erneut. Wie «Pirates of the Caribbean» ist auch «Lost» ein Fenster in ein wundersames fiktives Universum. Zum Schluss wurden nicht alle Geheimnisse aufgeschlüsselt und beseitigt, stattdessen endet das Finale in einem Moment, in dem sich die mythologische Ebene und der charaktergesteuerte Handlungsbogen gleichzeitig auf einer emotionalen Wende befinden. Was die Zukunft für manche der Figuren bringt bleibt im Verborgenen, ebenso wie manche der in der Vergangenheit liegende Geheimnisse. Aber es gab auch Antworten. Antworten auf die entscheidenden Fragen. Im Falle von «Lost» erfuhren wir im Laufe von sechs Jahren, wieso das Flugzeug abstürzte, wo die Polarbären auf der Tropeninsel herkamen, wer diese ominösen Anderen sind, wer der noch ominösere Jacob ist, was dieses Rauchmonster ist, was die Insel zu etwas besonderem macht. Und noch ein paar Geheimnisse mehr. Die offenen Fragen drehen sich um Rätsel, die diese Kernrätsel stützten, in andere Richtungen drehten, sie mit einer größeren Aura des Geheimnisvollen umhüllten. Die dazu dienten, die Welt von «Lost» nicht als allein um wenige zentrale Punkte drehend zu erscheinen, sondern ihr einen größeren Maßstab zu geben. Der Zuschauer kann aus den offenen Fragen das Gefühl gewinnen, dass immer noch mehr da ist, dass die Figuren in «Lost», ja sogar ihre Geheimnisse, bloß ein Puzzlestück in einem weit reichenden Serienuniversum sind. Ich finde so etwas, wenn es richtig angepackt wird, spannend und reizender, als ein simples Mysterygeflecht, dass mit einer zum Schluss gegebenen Antwort komplett aufgedröselt werden kann. Allerdings bin ich, unter anderem halt durch «Pirates of the Caribbean», für so etwas sensibilisiert. Hätten die Autoren von «Lost» sich auf der Zielgeraden mit etwas mehr Selbstkritik auf ihr Werk gestürzt, wäre es ihnen vielleicht auch möglich gewesen, ihre Absichten dem Publikum leichter zu verkaufen.

Meine letzte Hoffnung für die Rezeption des «Lost»-Finales ist übrigens der Faktor Zeit. Der half bereits den «Pirates of the Caribbean»-Filmen auf die Sprünge: Als Teil 3 in die Kinos kam, sehnten sich viele Kritiker nach dem vergnüglicheren, simplen zweiten Teil zurück. Daraufhin musste das Autorenduo Ted Elliott & Terry Rossio kenine zwölf Monate zurückdeuten, um sich prächtig zu amüsieren: «Pirates of the Caribbean – Fluch der Karibik 2» wurde als zu komplex und verworren verrissen. Nur ein Jahr später war er in den Augen vieler Kritiker plötzlich leicht verständliche Kost. Und sogar der meist gelobte Erstling der Reihe, der zum Kinostart des zweiten Teils als Paradebeispiel für einen sommerlich-vergnüglichen Piratenfilm herhielt, wurde von einer kleinen, aber lauten Gruppe als unnötig kompliziert verschrien. Vielleicht ergeht es den «Lost»-Machern ähnlich, und nach Start ihrer nächsten Serie heißt es dann allerorten: „Erinnert ihr euch an «Lost»? Mensch, das waren noch Zeiten, als in solchen Serien Antworten gegeben wurden…!“

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