Hingeschaut

Keine Analyse bei «Die Deutschen II»

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Wir sahen die erste Folge der zweiten «Die Deutschen»-Staffel. Was es zu bemängeln gibt...

Die erste Staffel der Doku-Fiction-Serie «Die Deutschen», mit der das ZDF vor rund zwei Jahren in zehn Folgen die deutsche Geschichte von Otto, I bis hin zu Wilhelm, II abarbeitete, bescherte dem öffentlich-rechtlichen Sender umwerfende Einschaltquoten. Nun geht es mit einer zweiten Auflage weiter, die wieder ganz von vorne anfängt. So nahm man sich in der ersten Ausgabe Karls, des Großen und seiner Missionierungsfeldzüge gegen das Volk der Sachsen an.

Karls Imperium reichte von der Nordsee bis nach Mittelitalien, vom heutigen Ungarn bis nach Spanien. Der Frankenherrscher schuf nicht nur ein Imperium, er gab ihm auch eine Ordnung, setzte Ankerpunkte für eine gemeinsame religiöse und kulturelle Identität. Er wollte nicht nur Herrscher der Franken sein, sondern der gesamten römischen Christenheit. Wo er regierte, sollte auch ein Glaube die Teile seines europäischen Reiches miteinander verbinden.

Nach der Zerstörung der Irminsul, eines altsächsischen Hauptheiligtums, kam es zu Aufständen gegen Karls Herrschaft, die zu einem großen Teil unter der Führung des sächsischen Adeligen Widukind standen. Nach langen, für die Sachsen zermürbenden Kriegsjahren, gefüllt von Ermordungen, Deportationen und Zwangsbekehrungen zum christlichen Glauben, ließ Widukind sich schließlich taufen, um dem Blutvergießen ein Ende zu bereiten.

„Die Mitte Europas im Wandel der Zeit. Ein Land, das lange braucht, um eins zu werden.“ Diese beiden Eröffnungssätze könnten als Mikrokosmos für die gesamte erste Folge stehen: triefender Pathos, wenig Gehalt. Die Spielszenen wurden von den Regisseuren Christian Twente und Michael Löseke zwar aufwendig, aber seelenlos inszeniert. Leider bilden sie auch den Löwenanteil der Folge und werden nur selten durch Interviews mit Historikern unterbrochen. Das ist hochgradig problematisch, denn es führt dazu, dass in «Die Deutschen II» nahezu keinerlei Analyse betrieben wird. Man begnügt sich mit der Schilderung der Gänge der Ereignisse.

Nichts wird auf nennenswerte Weise bewertet oder in übergeordnete historische Kontexte eingeordnet. Eine Quellendiskussion findet ebenfalls überhaupt nicht statt, was hier jedoch unvermeidbar gewesen wäre, sofern man nicht das ganze Projekt der Lächerlichkeit preisgeben will. So ist über die Kindheit und Jugend Karls, des Großen nur sehr wenig bekannt und in Einhards Biographie über den Frankenherrscher, „Vita Karoli Magni“, ist nahezu nichts über diese Zeit zu finden. Doch das hält die ZDF-Produktion nicht davon ab, minutenlang Episoden aus Karls Kindheit zu evaluieren und über teilweise weit hergeholte Spekulationen zu schwadronieren, ohne diese als solche zu kennzeichnen. Ebenso geht man mit dem „Verdener Blutgericht“ um. Ob es sich hier um eine Legende oder eine historische Begebenheit handelt, darüber streitet sich die Forschung seit langem. In der ZDF-Doku-Fiction wird dies nicht einmal angemerkt. Die Begebenheit wird schlicht als geschichtliches Ereignis dargestellt, ohne auf die wissenschaftliche Diskussion darüber einzugehen. Historische Akkurarität sieht anders aus. Ganz anders.

Das ZDF zeigt die zweite Staffel von «Die Deutschen» ab Sonntag um 19.30 Uhr.

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