Hingeschaut

«Das Tier in mir»: Presse, Image und Fake-Trash

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Wie eine Dokusoap das Gelächter zu Grabe trägt. Gemeint ist natürlich: Das Leben hat einen Sinn - it's fun.

It's fun. Meint zumindest Holger Andersen. Als der RTL II-Programmdirektor im Februar dieses Jahres die neue Dokosoap «Das Tier in mir» ankündigte, musste er schon mit dem zweiten Atemzug Stellung beziehen – defensiver Art versteht sich. Das Konzept, in dessen Rahmen C-Promis wie Charlotte Karlinder und Oliver Beerhenke bei ihrem Versuch begleitet werden, von einer Tierherde als einer der Ihren aufgenommen zu werden, stieß kurioser Weise auf Widerstand. Tierverbände zeigten sich entsetzt. Ganz vorne dabei, wenn auch aus weniger selbstlosen Gründen, war selbstverständlich die Bild, gegenüber der Andersen das Format erklärte und als harmlos verteidigte: “Die Prominenten werden paarweise zwischen drei und vier Tagen bei den Tieren leben und versuchen, sich in die Gruppe integrieren. Dabei werden sie auch das Futter der Tiere bekommen.” Doch beruhigende Worte sollten die BamS nicht daran hindern, das Gesamtbild durch zusammengewürfelte Begriffe wie “Dschungel-«Big Brother»” aufzubauschen. Zum Vorwurf kann man das dem Blatt sicherlich nicht machen – in Grünwald wird man sich ohnehin über die verfrühte Presse gefreut haben. Und doch kann man als Zuschauer nur verständnislos den Kopf schütteln.

It's fun. Ein gutherziges Motto, stets untermalt mit farbigen, lebensbejahenden Werbespots. Aber auch ein Fehler im frischen System. Es ist kein Geheimnis: Langfristig muss und viel wichtiger möchte RTL II weg vom ewigen Schmuddel-Image, das dem Sender nun schon so lange Geleit gibt. Doch man vertraut zu sehr auf “It's fun” - zu sehr auf Packungen, zu wenig auf Inhalt. So steht dem positiven Trend plötzlich eine Offensive in den eigenen Reihen bevor – die ultimative Antwort auf die durch das Ende von «Big Brother» entstandene Lücke: Trash, Trash und nochmal Trash. Teilweise recht hübsch verpackt, doch es bleibt Trash. Mit den «X-Diaries» und dem «Kreuzfahrtkönig» hat man bereits die späte Daytime bestückt und es auch damit nur zu einem halben, gezwungenen Lächeln gebracht. Jetzt ging es an die Primetime. «Abenteuer Afrika», «Das Tier in mir», «Tattoo Attack», «Generation Ahnungslos». Bereit zu begeistern – die Durchschnittswerte der «Mädchen-Gang» immer im Gedächtnis.

It's fun. Hofft jedenfalls das Publikum. Erfahrungsgemäß werden zwei der vier genannten Sendungen auch in der nächsten Saison zu sehen sein, während der Rest auf dem Fernsehfriedhof landet. Den Beschreibungen allein zufolge fällt es schwer, die schwarzen Schafe aus zumachen. Doch nach nur wenigen Minuten «Das Tier in mir» steht fest: Das kann eigentlich nicht gut gehen. Nochmal zum Ablauf: Gina Lisa-Lohfink, Kathy Karrenbauer, Jochen Bendel und Konsorten wecken das Tier in sich und versuchen sich in die Welt von Bär oder Krododil einzuleben. Tatkräftig unterstützt werden sie dabei von fotogenen Tierexperten, die nach einigen Tagen bzw. guten 60 Minuten entscheiden, wer denn nun die beste Figur gemacht hat. Belohnt wird man mit 5.000 Euro, die an eine Tierschutzorganisation der eigenen Wahl gehen. Tierschützer dürfen deshalb Luft holen. Aber auch weil «Das Tier in mir» tatsächlich harmlos ist. Was die ganze Geschichte umso trauriger macht.

It's fun. Wünschen sich immerhin Drag-Queen Olivia Jones und «Upps! - Die Super-Pannenshow»-Oliver Beerhenke, die für die erste Ausgabe vor die Kamera treten. Erstere könnte sich vorstellen bei Vögeln unterzukommen, wird aber zu den Kamelen gesteckt. Beerhenke wird indes einem Paar europäischer Braunbären vorgestellt. Da springt auch schon der erste Funken Mitleid über. Allerdings nicht für den Moderator, sondern die Bären, deren Rasse ausgestorben ist und die ihres Zeichens gezüchtet sind – und ihre Zeit mit einem Produktionsteam vor der Nase verbringen dürfen. Damit gleich zur Sache: Informationen über die Tiere sind spärlich gesät, aber vorhanden. Informationsträger sind die Tierexperten Christoph Kappel und Nicole Degner, die eine kompetente und freundliche Erscheinung machen und ihre Gäste auch herzlich empfangen. Spätere Kommentare haben dahingegen schon etwas weniger Gehalt (Zitat: “Das Olivia am Mineralstein geleckt hat, hat mich sehr gefreut“). Doch was müssen Jones und Beerhenke denn nun eigentlich auf sich nehmen, um die Aufgabe zu meistern? Sich mit dem Kot ihrer jeweiligen Vorbilder beschmieren, mit den Tieren nächtigen, lächerliche Höcker bzw. ein Bärenkostüm überstreifen und den Zuseher unterhalten. Letzteres vergeblich. Was jedoch nicht zwangsläufig die Schuld der Promis ist.

It's fun. Lässt sich hämisch rufen. Auf den ersten Blick ist «Das Tier in mir» die typische Klamauk-Dokusoap. Angemessenes Voice-Over, überstrapazierte Scores und Hitsongs, schwungvolle Bildübergänge plus Zeitlupe, Stillstand und «DSDS»-typischen Kunstgriffen wie Bildeinblendungen im Cartoon-Style. Das mag man nun mögen oder nicht – wer etwas anderes erwartet hat, ist hier sicherlich falsch. Die Packung macht also den ersten guten Eindruck. Und doch kann nichts darüber hinwegtäuschen, dass das magere Gerüst keine Sendung über mehrere Wochen tragen kann. Denn so schön es sich auch liest, das Ergebnis sieht ganz anders aus. Wirklich bei den Tieren sind Olivia und Oliver eigentlich kaum und wenn, dann steht der Experte daneben. Man unterhält sich, reißt einige Witze und wirft den Ungetümen verstohlene Blicke zu. Dann wird noch schnell im Gehege bzw. einem abgetrennten Käfig im Fall der Bären übernachtet und fast ist das „Experiment“ wieder vorbei. Einzig Beerhenkes Fischerausflug kann auf stilistischer wie tierischer Ebene überzeugen. Sonst ist «Das Tier in mir» viel zu nah dran an den Promis, der Außenwelt, ja, sogar dem Zuschauer. Spannung kommt gar keine auf, eine eigene Atmosphäre sowieso nicht.

It's fun. Versucht man verzweifelt zu suggerieren. Aber die Dokusoap wirkt durchgehend unnatürlich – von einem ernsthaften Versuch, Teil der Herde zu werden oder sich dem Gegenüber auch nur anzugleichen, kann überhaupt nicht die Rede sein. Jones und Beerhenke geben ihr Bestes, können aus der müden Szeniere aber ebensowenig etwas rausholen, ohne sich dabei selbst zu schaden. Da müsste man schon die Bloodhound Gang verpflichten, um anzuecken und so der Packung gerecht zu werden. So stellt sich die Frage, was man mit diesem halbgaren Projekt zu erreichen glaubte. Andersen hat Recht behalten. Drei, vier Tage bei den Tieren und dabei das Futter mit ihnen geteilt – alles passiert. Und sonst? Richtig zähe Minuten.

Schlauer wäre es gewesen sofort mit mehreren Promis in die erste Episode zu starten und die einzelnen Fortschritte Woche für Woche zu beleuchten. Man hätte Lieblinge gewinnen können, womöglich einen Grund gehabt, in sieben Tagen wieder einzuschalten und insgesamt wäre dem Werk zu ein klein bisschen mehr Pep verholfen. Mal ganz unabhängig davon, ob RTL II sich langfristig von Schmuddel und Trash verabschieden wird: Wenn man es macht, dann bitte richtig. Auf diese Weise sind zu Unrecht aufgebauschte Sendungen wie «Das Tier in mir» zum Auftakt exakt einen Artikel wert – darüberhinaus nichts mehr. It's fun? Die längste Zeit gewesen.

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