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«Big Brother» war ein Kindergarten dagegen

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Die neue Reality-Show «Solitary» bewegt sich dicht an der Grenze zur Folter. Die Kandidaten werden extremen seelischen, psychischen und körperlichen Qualen ausgesetzt und dabei rund um die Uhr gefilmt. Doch niemanden scheint das zu stören...

Während der heißen Monate ist es fast zu einer kleinen Tradition geworden, dass der Sender ProSieben neue fragwürdige Formate auf seine Zuschauer loslässt. Nachdem im Jahr 2005 Sarah Connor mit ihrer Hochzeit den qualitativ noch erträglichsten Anfang machte, sank das Niveau von Jahr zu Jahr weiter ab. Zwei Sommer später folgte ihr VIVA-Sternchen Gülcan (Foto) mit ihrer Traumhochzeit, nur um ein Jahr später zusammen mit ihrer Kollegin Collien auf einen einsamen Bauernhof zu reisen und dort Paris Hilton und Nicole Richie für Arme zu spielen. Doch ProSieben sollte im Sommer 2009 noch eine Stufe weiter bergab gehen. Die völlig sinnfreie Castingshow «Sommermädchen» strotzte vor Kandidatinnen, gegen die Gülcan jeden IQ-Test gewonnen hätte und agierte handwerklich auf dem Niveau eines Offenen Kanals. Zu allem Überfluss wiederholte der Sender den Flop innerhalb seiner Nachmittagsdokus und -magazinen unerträglich oft. Was genau die Aufgabe des gewählten Sommermädchens war, blieb dennoch offen.

Angesichts dieser Geschichte muss das schlimmste für «Solitary – Besieg’ Dich selbst», einer der diesjährigen Sommershows, befürchtet werden. Das neue Format basiert auf einer Sendung, die bereits in den USA für Furore sorgte. Dort war sie seit 2006 das Prunkstück des FOX Reality Channels, der sie jedoch nach der kürzlich beendeten vierten Staffel einstellte. Derzeit suchen die Produzenten eine alternative Station. Für die Produktion der deutschen Version wurde aus Kostengründen wie schon bei «Wipeout» die Kulisse des Originals in Los Angeles genutzt.

Die Sendung selbst will sich als soziales Experiment verstanden wissen, obwohl es gerade darum geht, dass es keine sozialen Interaktionen gibt. Neun Menschen werden für maximal zehn Tage in jeweils eigene, achteckige Räume gesperrt und müssen dort die an sie gestellten Aufgaben erfüllen. Die acht Quadratmeter großen Kammern verfügen über keine Verbindung zur Außenwelt, haben weder Fenster noch Uhren, sodass es auch keinen Hinweis auf die Tageszeit gibt. Sogar die Temperatur wird konstant gehalten, damit es keinen Anhaltspunkt auf Tag und Nacht gibt. Die einzige Kontaktmöglichkeit ist eine Computerstimme, die jedoch nicht als Gesprächspartner, sondern eher als Kontrollinstanz fungiert. Von ihr erhalten die Kandidaten die Anweisungen für die zu meisternden Spiele. Am Ende der neun Folgen gewinnt derjenige, der es am längsten in der Einsamkeit durchhält und die Prüfungen am besten absolviert hat. Doch die Hauptfrage wird nicht werden, wer die Spiele am besten besteht, sondern wie und ob die Menschen unter dieser extremen Isolation zurecht kommen.

Das Konzept ist originell, aber auch gewagt. Dennoch entschied sich ProSieben anders als in der amerikanischen Vorlage die Kandidaten mit C-Promis zu besetzen und bringt mit deren Auswahl die Show verdächtig nah an den Rand des Trash. Oder welcher Zuschauer außerhalb der VIVA-Zielgruppe kann etwas mit Sängerin Liza Li anfangen? Auch bei den weiteren Kontrahenten wie Playmate Doreen Seidel, «DSDS»-Teilnehmer Benny Kieckhäben, «Star Search»-Gewinner Martin Kesici und Mr. Germany Dirk Schlemmer handelt es sich um uninteressante Menschen ohne nennenswerte Charakterzüge. Obendrein droht die Moderatorin Sonya Kraus der Spielidee mit ihrer aufgesetzten Art die nötige Ernsthaftigkeit zu nehmen.

Aufgrund der extremen Spielregeln ist es fast schon verwunderlich, dass die obligatorische Kritik der Medienwächter und ethischen Instanzen bisher ausgeblieben ist. Vielleicht waren selbst diese von der Fußball-WM abgelenkt oder zeigen aufgrund der zweifelhaften Promis wenig Mitgefühl. Wer kann es ihnen verdenken? Auffällig ist es dennoch, erinnert man sich an die Anfänge von «Big Brother» und das damalige Medienecho zurück. Öffentliche Folterungen, Quälerein vor laufenden Kameras und die Abschaffung der Menschenwürde wurden im März 2000 herbeiprophezeit. Und das, obwohl in der damaligen Vereinsamung gleichzeitig bis zu zehn Menschen lebten und einen Garten mit frischer Luft besaßen. Nach den heftigen Protesten wurde sogar eine kamerafreie Stunde eingeführt, in denen die Bewohner unbeobachtet blieben.

«Solitary» geht viel weiter – denn nun befinden sich die Mitspieler in echter, absoluter Einsamkeit. Ein Zustand, der über längere Zeiträume tatsächlich gefährlich für die Psyche und zu einer enormen Anstrengung für das menschliche Gemüt werden kann. Nicht umsonst gilt die Isolationshaft als eine der umstrittensten Strafen überhaupt. Sie wird von Kritikern oft mit körperlicher Folter gleichgesetzt – nur auf einer psychischen Ebene. Menschen, die in langer Isolation lebten, wiesen zum Teil erhebliche Störungen des vegetativen Nervensystems auf. Dies reichte von einem verschobenen Hormonhaushalt, verstärktem Hungergefühl bis hinzu einer mangelnden Anpassung an die Umgebungstemperatur. Es wurden zudem Beeinträchtigungen in der Wahrnehmung und der kognitiven Leistungsfähigkeit beobachtet, die von einer leichten Konzentrationsstörung bis hin zum Verlust der Sprachfähigkeit reichten. Aber auch Depressionen, reduziertes Selbstwertgefühl und Alpträume wurden nach langer Isolation festgestellt.

Das alles wird sich bei der Show nach neun Tagen sicher nicht einstellen. Die Macher werden zudem genau darauf achten, dass die Kandidaten keine kritischen körperlichen oder seelischen Grenzen überschreiten. Doch letztendlich zielt das Format genau auf diesen schleichenden Wahnsinn ab. Genau in den Reaktionen auf diese Extremsituationen sucht es seinen Reiz. Folgeerscheinungen werden also nicht nur in Kauf genommen, sondern sind fester Bestandteil der Show.

Neben der Einsamkeit sind die Kandidaten zudem einem drohenden Schlafentzug ausgesetzt, denn während ihrer Ruhephasen werden sie regelmäßig von lauter Musik geweckt. Nur wer dann einen Code korrekt auswendig eingibt, kann weiterschlafen. Bei diesen sogenannten „Entscheidungsspielen“ nähert sich das Format dann tatsächlich erschreckend nah real existierenden Foltermethoden an. Unter einer leichten Sommerunterhaltung versteht sich sicher etwas anderes.

Es bleibt abzuwarten, wie die Macher und Moderatorin Sonya Kraus mit dieser gefährlichen Gratwanderung umgehen. Es kann sich zu einer weiteren, harmlosen Promischau oder zu einem menschlichen Drama entwickeln. Hoffen wir für alle Beteiligten das Beste.

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