Die Kino-Kritiker

«Die Farbe des Horizonts» - Romanze trifft Survivaldrama

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Mit seinem Genrehybrid «Die Farbe des Horizonts» serviert der isländische Regisseur Baltasar Kormákur Romanze und Survivaldrama in einem. Ob es ihm gelingt, die damit verknüpften, gänzlich verschiedenen Tonarten miteinander zu kombinieren?

«Die Farbe des Horizonts»

  • Start: 5. Juli 2018
  • Genre: Drama/Romanze/Survival
  • Laufzeit: 96
  • FSK: 12
  • Kamera: Robert Richardson
  • Musik: Volker Bertelmann
  • Buch: Aaron Kandell, Jordan Kandell, David Branson Smith
  • Regie: Baltasar Kormákur
  • Darsteller: Shailene Woodley, Sam Claflin, Grace Palmer, Jeffrey Thomas, Elizabeth Hawthorne, Luna Campbell
  • OT: Adrift (USA 2018)
Niemand beneidet die verantwortlichen Marketingagenturen darum, sich eine geeignete Kampagne für einen Filmstart auszudenken. Da muss man die Zielgruppe berücksichtigen, den erzählerischen Schwerpunkt, mit welchen Stars man wirbt und, und, und. Im Falle von «Die Farben des Horizonts» ist das ganze sogar nochmal eine Stufe komplexer. Das sieht man schon daran, wie unterschiedlich für die Survival-Romanze geworben wird: In den USA verkaufen Plakat und Trailer uns vorwiegend eine dramatische Geschichte über einen folgenschweren Schiffbruch, die entsprechend mit «Adrift» betitelt wurde. Hierzulande dagegen entschied man sich für Werbung der Marke Nicholas Sparks – das verrät schon der Blick auf das pinkfarbene Filmplakat, das vor allem die beiden sich liebenden Protagonisten fokussiert. Das Witzige daran: Keiner von beiden Seiten lässt sich ihre Wahl verübeln, denn «Die Farbe des Horizonts» ist Survivalthriller und romantisches Drama zu gleichen Anteilen.

Nun möchte man meinen, dass der Film dann ja beides nie richtig sein kann und irgendeiner der Zuschauer immer auf der Strecke bleiben wird: Diejenigen, die nach Romantik dürsten, könnten sich daran stören, dass es eben nicht bloß um die ganz große Liebe, sondern auch um den knallharten Überlebenskampf geht. Und wer sich ein zweites «All Is Lost» erhofft, hegt vielleicht nicht unbedingt Interesse an der amourösen Hintergrundgeschichte der Hauptfiguren. Regisseur Baltasar Kormákur («Everest») stand vor einer schwierigen Aufgabe – aber er meistert sie mit viel Geschick.

Abenteuer auf hoher See


Die lebenslustige Tami (Shailene Woodley) möchte am liebsten die ganze Welt erkunden. Kaum hat die junge Kalifornierin ihren Abschluss in der Tasche, lässt sie sich frei von allen Regeln von einem Traumziel zum nächsten treiben. Als sie ihr Weg schließlich nach Tahiti führt, lernt sie den attraktiven Segler Richard (Sam Claflin) kennen. Bis über beide Ohren verliebt entschließen sich Tami und Richard gemeinsam in See zu stechen und sich in das Abenteuer ihres Lebens zu stürzen. Doch mitten auf dem Pazifik, 2000 Seemeilen vom nächsten Festland entfernt, geraten sie plötzlich in einen gewaltigen Hurrikan. Als Tami aus ihrer Ohnmacht erwacht, ist ihr Boot nur noch ein Wrack und Richard schwer verletzt. Ohne eine Möglichkeit, mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen, beginnt für Tami ein Wettlauf gegen die Zeit: Kann sie sich und ihre große Liebe retten?

Dass die Verknüpfung der beiden grundverschiedenen Genres so gut funktioniert, liegt vor allem daran, dass das Drehbuchautoren-Team aus Aaron und Jordan Kandell («Vaiana») sowie David Branson Smith («Ingrid Goes West») nicht erst den einen Teil der Geschichte erzählt und dann den anderen (chronologisch gesehen hätte man durchaus zunächst zeigen können, wie sich das Paar kennenlernt und verliebt, nur um es anschließend mitten hinein in die Katastrophe zu schicken). Stattdessen verwebt er sie lieber elegant ineinander, beginnt dort, als der Sturm das Boot schon längst verwüstet hat und arbeitet anschließend viel mit Rückblenden, die zeigen, wie aus der abenteuerlustigen Tami und dem besonnenen Richard ein Paar wurde. Das bringt immer wieder eine herbe Brisanz in die Geschichte, denn so wohnt den romantischen Momenten des ersten Verliebtseins immer auch die Gewissheit inne, dass dieses Glück nicht lange andauert.

Auf der anderen Seite spiegelt der Rückblick auf die vorangegangenen Ereignisse hervorragend wider, wie sich die echte Tami – «Die Farbe des Horizonts» basiert auf einer wahren Geschichte – mit den Erinnerungen an ihren Verlobten, im wahrsten Sinne des Wortes, über Wasser gehalten hat. Aus diesem Mix aus Ausweglosigkeit und Hoffnung entspinnt sich auf der Leinwand ein authentisches Gefühlschaos, der es zulässt, dass man sich zu jedem Zeitpunkt in die beiden Schiffbrüchigen hineinversetzen kann.

Intensiv, berührend und ein wenig romantisch


Gespielt werden die vom Schicksal gebeutelten Abenteurer von zwei der talentiertesten Schauspielnewcomer, die es in den vergangenen Jahren auf der Leinwand zu sehen gab. Da ist auf der einen Seite die durch die herausragende Buchverfilmung «Das Schicksal ist ein mieser Verräter» bekannt gewordene Shailene Woodley: Sie verkörpert Tami als umwerfend natürliche, selbstbewusste und im Anbetracht der auf See herrschenden Umstände doch auch ängstliche Abenteurerin, die im Anbetracht der ganz großen Katastrophe über sie hinaus wächst. Das Skript gesteht ihr Momente des menschlichen Versagens genauso zu, wie den ganz großen Triumph über sich und die Situation. Woodley agiert jedoch nicht bloß in den dramatischen Momenten mit voller Aufopferungsbereitschaft und geht hier auch an körperliche Grenzen. Gerade in den Szenen, die sie im romantisch-zärtlichen Zusammenspiel mit Richard zeigen, kann sich die Aktrice voll entfalten.

Dasselbe gilt für den «Die Tribute von Panem»-Star Sam Claflin. Ab dem Zeitpunkt der Katastrophe kommt ihm eine eher passive Rolle zu, wodurch er Woodley die Bühne überlässt. Gleichzeitig legt der Schauspieler viel Energie in sein Leiden und ist in den Flashbacks wie ausgewechselt; Claflin und Woodley spielen in «Die Farbe des Horizonts» das perfekte Paar – und das mit einer solchen Authentizität, dass man ihnen die Rettung vom Schiff bis zum Schluss von Herzen gönnt.

Während man anderen Filmen den Dreh in einem abgeschlossenen Wasser-Bassin ansieht, entstand «Die Farbe des Horizonts» tatsächlich auf hoher See. Die Dreharbeiten verlangten Cast und Crew alles ab, doch das Ergebnis hat sich gelohnt. Baltasar Kormákur reiste mit seinem Team nicht bloß an die traumhaftesten Orte dieser Welt (selbst im Anbetracht der den Film am Ende dominierenden Katastrophe bleiben vor allem die endlosen Sandstrände und kristallklaren Wasserfälle in Erinnerung, die Lust auf Urlaub machen), sondern fing dank des Drehs auf offenem Meer auch die Eintönigkeit des Ozeans hervorragend ein. Nur in wenigen Momenten – etwa bei jenen, in denen die Protagonisten mitten in den Orkan hineinfahren – wurde mit gelungenen Computereffekten nachgeholfen. Vor allem die Szenen unter Wasser sind von einer bemerkenswerten Brillanz und stecken voller Details, sorgen aber gleichzeitig für Beklemmung und Furcht.

Kameramann Robert Richardson («Solange ich atme») beweist ein hervorragendes, ästhetisches Gespür und findet für jeden Moment im Leben der beiden Hauptfiguren die richtigen, visuellen Schwerpunkte. Komponist Volker Bertelmann («Lion – Der lange Weg nach Hause») rundet das Ganze schließlich mit einem emotionalen, hier und da ein wenig zu plakativen Score ab, der jedoch auch nichts daran ändern kann, dass «Die Farbe des Horizonts» einfach ein richtig starker Film geworden ist.


«Die Farbe des Horizonts» ist romantisches Drama und Survival-Thriller in einem – und Baltasar Kormákur bringt beide Ebenen hervorragend unter einen Hut.

«Die Farbe des Horizonts» ist ab dem 12. Juli in den deutschen Kinos zu sehen.

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